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Integration von Geflüchteten aus der Ukraine: Tafel-Chef widerspricht Söder
Sprachkompetenz ist der Schlüssel zur Integration. Tafel-Chef Bernhard Saurenbach beklagt, dass Geflüchtete immer noch sehr lange auf einen Sprach- und Integrationskurs warten.
Archivbild: Lowak
Integration von Geflüchteten aus der Ukraine: Tafel-Chef widerspricht Söder
Bernhard Saurenbach von der Amberger Tafel kritisiert den Vorschlag, ukrainischen Flüchtlingen das Bürgergeld zu streichen. Er kennt andere Hindernisse für die Integration in den Arbeitsmarkt – aber auch Lösungen.
Von Kristina Sandig
Amberg. Der Vorschlag von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, den Geflüchteten aus der Ukraine das Bürgergeld zu streichen und ihnen nur noch Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zu gewähren, stößt Bernhard Saurenbach, dem Chef der Amberger Tafel, sauer auf. In seinen Augen „ist es ein Irrglaube, zu denken, dass das Bürgergeld für Ukrainer der Hauptgrund für die relativ geringe Beschäftigungsquote darstellt“.
Saurenbach sieht ganz andere Ursachen, warum es hakt, die Geflüchteten schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Er zählt sie in einem Schreiben an Oberpfalz-Medien auf: lange Wartezeiten für die Sprach- und Integrationskurse und mangelnde Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder, weil es vor allem Frauen beziehungsweise Mütter sind, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland nach Deutschland geflüchtet sind.
120 Frauen mit Kindern
Bernhard Saurenbach hat aktuelle Zahlen der Amberger Tafel parat. Von den Ukrainerinnen, die bei der Tafel registriert sind, um kostenlos Lebensmittel zu beziehen, sind 200 alleinstehend und 120 mit Kindern.
Bernhard Saurenbach ist es nach eigener Aussage wichtig, „Geflüchtete möglichst gut in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren“. Viele der Geflüchteten hätten ein hohes Bildungsniveau und suchten nach Arbeit, so seine Erfahrung. Trotzdem fragt er sich: „Warum integriert Deutschland Ukrainer schlechter in den lokalen Arbeitsmarkt, trotz des Mangels an Arbeitskräften in vielen Branchen, als viele andere EU-Länder?“
Saurenbach weiß vor allem auch, wie lange viele Ukrainer auf einen Deutschkurs warten müssen. „Über ein halbes Jahr, oft bis zu 12 Monate“, wird er konkret. Ohne ausreichende Deutsch-Kenntnisse sei die Jobsuche oft aussichtslos.
Nächste Hürde: Dass die Ausbildung der Ukrainer oftmals „in Deutschland erstmal nicht anerkannt wird“.
Darüber hinaus fehle es an Angeboten zur ganztägigen Kindesbetreuung, beklagt Saurenbach. „Bestenfalls können die Mütter dann einen Minijob annehmen – aber damit kann keiner über die Runden kommen.“
Seit Monaten auf Arbeitssuche
Dass es auch für Ukrainer, die die deutsche Sprache beherrschen, gar nicht so einfach ist, Arbeit zu finden, schildert Saurenbach am Beispiel eines Tafel-Mitarbeiters. Der Mann stammt aus Cherson, hatte dort eine Landwirtschaft, die im Krieg zerstört wurde. Seit zwei Jahren ist er hier, hat seinen Deutschkurs absolviert, einen Lkw-Führerschein gemacht und Bewerbungen an Firmen geschickt. „Er sucht seit einigen Monaten Arbeit“, sagt Saurenbach. „Bekommen hat er nichts.“
Die von Söder geplante Abstufung von Bürgergeld auf Asylbewerberleistungsgesetz würde bedeuten, dass ein Alleinstehender statt bisher 563 nur noch 411 Euro monatlich bekäme. Zudem würde ihm nichts mehr, keine Aus- oder Weiterbildung, vom Jobcenter vermittelt. Saurenbach hat ein weiteres Argument gegen Söders Vorschlag parat: Selbst bei Abstufung kämen sie drei Jahre später wieder ins Bürgergeld. „Das ist die Gesetzeslage“, so der Tafel-Leiter.
Saurenbachs Argumente kann Michael Sandner von „Zsamhaltn“ auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien bestätigen. Die Amberger Initiative hatte sich vor drei Jahren, als kurz nach Ausbruch des Ukraine-Krieges viele Geflüchtete nach Amberg gekommen waren, enorm bei deren Betreuung eingebracht.
Die Problematik bestehe seit der Ukraine-Krise, so Sandner. Angesichts mangelnder Kinderbetreuungsmöglichkeiten habe „Zsamhaltn“ bei Kolping einen Spieletreff organisiert, „damit die Mamas in den Sprachkurs gehen konnten“.
Die langen Wartezeiten auf Sprachkurse sind Sandners Erfahrung nach aber kein „Ukrainer-Phänomen“. Es fehlten generell Deutschkurse, auch für Menschen anderer Nationen betrage die Wartezeit teilweise bis zu einem Jahr. Arbeiten gehen – das steht und fällt für Michael Sandner mit der Sprachkompetenz.
Seit circa einem Jahr ist „Zsamhaltn“ nicht mehr in der Ukraine-Hilfe engagiert. Der Bedarf ist schlichtweg nicht mehr da. „Für uns war es immer eine Nothilfe“, betont Sandner. Aktuell müssen „keine Menschen mehr notversorgt werden“. Wohnraum suchen, Umzüge erledigen, schauen, dass die ukrainischen Kinder in die Schule gehen können: All dies war für die Freiwilligen von „Zsamhaltn“ sehr zeitaufwändig. Die Zeit der Nothilfe, in der jede helfende Hand gebraucht wurde, ist vorbei. „Dann muss es auch wieder staatliche Aufgabe sein“, findet Sandner.
Aktuell laufen zehn Kurse
Eine der Institutionen, die in Amberg Integrationskurse für Zugewanderte anbieten, ist das Kolping-Bildungswerk Ostbayern. Wie der Leiter des Amberger Zentrums, Robert Pirner, auf Nachfrage erklärt, haben sich die Wartezeiten auf einen Sprachkurs innerhalb der vergangenen eineinhalb bis zwei Jahre drastisch verkürzt.
„In Amberg haben wir das inzwischen recht gut in den Griff bekommen“, so seine Einschätzung. Im Normalfall bekämen die Leute innerhalb eines halben Jahres einen Platz in einem der Kurse. Aktuell sind es zehn Kurse, die bei Kolping laufen. „Wenn eine Lehrkraft mit einem Kurs durch ist, fängt sie wieder mit dem nächsten an.“
Seiner Einschätzung nach hat sich auch die Lage bei der Kinderbetreuung verbessert. Natürlich gebe es hin und wieder Situationen, dass jemand den Kurs absagen müsse – mit Verweis auf mangelnde Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs. „Aber auch das ist zurückgegangen“, so Pirner.
Er erinnert sich an eine Kursteilnehmerin, die ein Baby hatte. Die Oma sei immer in der Pause mit dem Kind vorbeigekommen, damit die Mutter es stillen konnte. „Wir haben der Frau dafür dann einen separaten Raum zur Verfügung gestellt.“
FREITAG, 12. SEPTEMBER 2025
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